1. Februar 2015

Zeit für Winterschmelz

Letzte Woche Samstag geschah etwas Wunderbares: es schneite und das langersehnte WinterWonderLand wurde Wirklichkeit. Alles wurde in weiße Pracht gehüllt, glitzerte und flunkelte. Einfach wunderschön. Mehr zum WinterWonderland gibts HIER.
Und mit dem Schnee kam auch sie: die Sehnsucht nach Winterschmelz und damit meine ich nicht unbedingt Schokolade (obwohl sie irgendwie auch dazugehört). Winterschmelz ist für mich ein Synonym für meine Vorliebe für russische Literatur, die gerade im Winter immer ihren Höhepunkt findet. Spätestens wenn es draussen schneit, spüre ich den Winterschmelz - genauso wie am Samstag vor einer Woche. 

Vier meiner Winterschmelz-Lieblinge möchte ich Euch heute vorstellen. Ich habe jeweils zwei Bücher und zwei Filme ausgesucht, wobei zu den Filmen zu sagen ist, dass die Bücher um Längen besser sind. Aber manchmal gibt es Momente, in denen mir ein Filmepos einfach lieber ist.

Doktor Schiwago ist wohl eine der berühmtesten Verfilmungen von russischer Literatur - und für mich aus vielen Gründen etwas Besonderes. Ich habe den Film das erste Mal an Kind gesehen (FSK hat damals für mich keine große Rolle gespielt) und war sofort begeistert, insbesondere von Julie Christie. 
Ich weiß noch, dass ich meinem Vater sagte, dass ich mal genauso schön sein möchte wie sie, wenn ich groß bin. Und weil mein Vater mein Vater war und mich liebte, sagte er zu mir: "Du wirst noch viel schöner - und vor allem viel glücklicher, da ich da bin und dich beschütze." Ich erinnere mich noch so genau an seine Worte, weil er so etwas in solchen Momenten immer zu mir sagte. Gut, dass mit dem 'viel schöner' hat nicht geklappt (nicht mal annährend!), aber beschützt hat er mich, solange er lebte. Wenngleich er mich auch nicht vor allem beschützen konnte, denn so manche (Liebes-)Dramen suchte ich mir selbst aus und musste auch selbst wieder aus ihnen herausfinden. Aber es war dennoch gut zu wissen, dass mein Vater im Notfall zur Stelle gewesen wäre - und letzlich war er es auch immer.

Zurück zum Film: Aus der Ferne schaue ich mir das Drama um Yury und Lara sehr gerne an. Und spätestens wenn die beiden den Winter zusammen in ihrem kleinen "Eispalast" verbringen (der sooo wunderschön ist, dass ich auch gerne dort leben möchte, bis ich merke, dass ich schon beim Gedanken daran fast erfriere), packt mich der Winterschmelz mit seiner ganzen Wucht.


Ich muss gestehen, dass ich zu Tolstois Anna Karenina ein ambivalentes Verhältnis habe. Es steht für mich außer Frage, dass Tolstois Werk ein literarischer Meilenstein und absolut lesenswert ist, aber seine Figur der Anna erschließt sich mir an vielen Stellen nicht (das näher zu erklären, würde allerdings den Rahmen dieses Posts sprengen).
Und dennoch: Anna Karenina gehört für mich eindeutig zu meinem Winterschmelz-Favoriten und insbesondere die Verfilmungen mit Greta Garbo (1935; den Stummfilm von 1927 mag ich nicht so gerne) und mit Keira Knightley (2012) sind pures Filmvergnügen für mich. Während ich bei der Verfilmung aus dem Jahr 1935 gebannt bin von Greta Garbos Darstellung (die mich so oft staunend und glücklich zurücklässt), mag ich bei der modernen Verfilmung die Opulenz des Filmes und die moderne, fast spielerische Adaption von Tolstois Roman. Für beide gilt: Absolut sehenswert und perfekt für einen verschneiten Nachmittag auf dem Sofa mit viel heißem Mandelkakao.

Vielleicht kennen viele von Euch Dostojewskis Bücher Der Idiot, Schuld und Sühne oder Die Brüder Karamasov (hier ist mir die Verfilmung mit der großartigen Maria Schell und dem wunderbaren Yul Brunner fast lieber als das Buch). Und für all' diese Werke ist er zurecht berühmt. Aber Dostojewski kann auch ganz anders, ganz zart, still und leise, aber nichtsdestoweniger sprach- und gefühlsgewaltig. Meine beiden liebsten "stillen" Werke von Dostojewskis stelle ich Euch heute vor.

Die Erzählung Die Sanfte handelt von der Ehe eines Pfandleihers und einer jungen Frau, die lieblos und unglücklich ist - und letztlich im Selbstmord der Ehefrau gipfelt. Erzählt wird die "phantastische", aber durchaus "reale" Geschichte (so bezeichnet vom fiktiven Herausgeber der Erzählung im Vorwort) in Form eines inneren Monologes. Die ausschließlich aus der subjektiven Perspektive des Erzählers erzählte Geschichte wirkt wie ein (fast ohnmächtiger) Deutungsversuch der Geschehnisse; ein objektiver Bericht der Ereignisse, die zum Selbstmord der jungen Frau führten, fehlt. 

Dostojewskis Erzählung wird zurecht als ein "ergreifendes Stück Weltliteratur über Verletztlichkeit und Rachsucht, über späte Reue und die schmerzliche Plötzlichkeit der Liebe" bezeichnet. Die Erzählung ist auf vielen Ebenen berührend und ergreifend, lässt den Leser am Ende aber auch mit vielen Fragen zurück. Fragen hinsichtlich der erzählten Geschichte (z.B. Wer trägt Schuld an der Entscheidung der jungen Frau? Gleichwohl: Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von Schuld sprechen?) und ganz allgemeine Fragen, was Liebe, Ehe und auch Glück für jeden einzelnen bedeuten. Die Erzählung ist kein oberflächliches, kurzweiliges Lesevergnügen, sie wirkt nach (typisch Dostojewski eben) - aber wenn man sich auf die Geschichte einlässt, so bezaubert sie einen mit ihrer Sanftheit, Verletztlichkeit und Gefühlsgewalt. 


Weiße Nächte, so verrät es ja schon der Untertitel, ist eine Liebesgeschichte. Ein vertäumter junger Mann, ein gesellschaftlicher Außenseiter, begegnet eines Nachts in einem Park zufällig der jungen verzweifelten Nastenka. Die beiden kommen ins Gespräch, treffen sie sich noch weitere vier Nächte, in denen sie sich immer weiter annähern und zarte Liebesbande entstehen. Die Gespräche verändern beide, was insbesondere anhand der Figur des verträumten jungen Mannes deutlich wird und beide... (mehr verrate ich Euch nicht).

Ein schöne, berührende und gleichzeitig traurige Liebesgeschichte. Wer oberflächliches Liebesgeplänkel inkl. fröhlichem Happy-End sucht, der wird beim Lesen dieser Liebesgeschichte enttäuscht. Diese Geschichte über die zarte Liebe zweier Menschen ist träumerische und anrührende Poesie und berührt einen genau deshalb tief, so man sich denn auf die Melancholie der Liebesgeschichte einlässt.
Weiße Nächte ist ein wunderbares, zartes Meisterwerk über die Liebe und wird getragen von dem zart-romantischen Gefühl, das zwischen den beiden Figuren entsteht. Die poetische Sprache der Erzählung ist wunderschön und ergreifend. Für mich ein perfektes Buch für einen verschneiten Nachmittag auf dem Sofa, eingemummelt in eine dicke Decke, ein heißer Mandelkakao in der einen und die Erzählung in der anderen Hand.

Habt Ihr auch typische Winter(schmelz)-Lieblinge?

Kommentare so far

  1. Liebe Nicole! Ich muss gestehen, dass ich weder einen der Filme, noch eines der Bücher je gesehen/gelesen habe... Zur Zeit lese ich viele von den Jerry-Cotton-Heften, die meine Mutter mir ausgeliehen hat. Das ist für mich schon gruselig genug, ein "richtiger" Krimi kommt mir nicht ins Haus. Deine Nelken finde ich wunderschön <3 Liebe Grüße, Frauke

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    1. Liebe Frauke,

      danke für Dein Kommentar.

      Diese Nelken sind übrigens meine Lieblingsnelken - ich finde sie auch wunderschön! :-)

      Die Bücher und die Filme kann ich Dir nur wärmstens empfehlen - allerdings muss man dafür in Stimmung sein, sonst verfehlen sie ihre Wirkung.

      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. Hallo Nicole, ein Logbuch ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal. So steht es in Wikipedia. Du hast es zusätzlich mit vielen tollen Bildern versehen. Du solltest wissen, dass ich dich über episoden.film gefunden habe. Ich würde mich sehr freuen, wenn du auch mal auf meinem Blog vorbei surfst und einen Kommentar abgibst. Zum Beispiel gibt es ein Announcement hinsichtlich eines neuen Fotoprojekts von https://paleica.wordpress.com und mir. Am kommenden Montag startet es. Vielleicht hast du ja Zeit und Lust, mit zu machen?! Bei den hier gezeigten guten Bildern von dir wärst du eine Bereicherung für das Projekt. Näheres unter: http://dschungelpinguin.com/montag-der-2-februar-2015/
    Ich freue mich schon heute, wieder von dir zu lesen. Immer gut Licht und ganz viel Ideen für weitere schöne Bilder! Beste Grüße, Andreas
    http://dschungelpinguin.com

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    1. Hallo Andreas,

      vielen Dank für Dein Kommentar und die "Einladung" zu Deinem Projekt, das ich mir mal in Ruhe ansehen werde.

      Viele Grüße
      Nicole

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