21. November 2014

Mein Mann, der Held


Ich bin eine (mehr oder weniger) erwachsene Frau. Und erwachsene Frauen schaffen alles - und zwar alleine. So die bekannte 'Philosophie', wie man sie aus Frauenzeitschriften kennt. Im Grunde ist daran auch nichts falsch, ich hab' mein Leben gern in den eigenen Händen. Doch manchmal muss ich mir eingestehen: Ohne Hilfe geht's nicht.

So wie letzte Woche Freitag. Wie Ihr ja seit diesem Post (hier) wisst, war ich Freitag der Verzweiflung nahe. Meine Gefühlswelt erstreckte sich von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt (metaphorisch ausgedrückt). Mein Notfallglas war schnell leer. Und mein Mann hat das ganze Drama via SMS mitbekommen und verzichtete liebevoll auf ein Ich hab's Dir ja gesagt. Und das hat er wirklich. Er hat mich gewarnt, im Alleingang an einem "fertigen" Template herumzubasteln.

Als ich dann gestern Abend - der Verzweiflung nahe - von meinem Spaziergang wiederkam, wartete mein Mann samt wunderschönem Flammenden Käthchen (siehe hier) auf mich. Meine Lieblingspflanze in meiner Lieblingsfarbe. Er kennt mich. Ich bedankte mich überschwenglich, freute mich sehr und verdrückte (für mich eher ungewohnt) die ein oder andere Freudenträne (ich führe dies auf das Gefühlschaos zurück, in das mich der HTML-Code stürzte). Danach setzen wir uns erst einmal hin, der Held beruhigte mich und dann folgte diese Unterhaltung:

Der Held: Jetzt erzähl' erstmal. Was ist passiert? 

Ich: Also, folgendes ist passiert ... Fehler ... keine Lösung ... *nichtjugendfreieKraftausdrücke* ... weiß ich auch nicht, warum ... AHHH ... Template ... AHHH ... Bloglovin .... böse ... MAC ... nicht sehen ... *allgemeineKraftausdrücke* ... HTML ... und dann AHHH ... und ... *codebezogeneKraftausdrücke*...

Was folgte war ein halbstündiger verwirrender Monolog, aus dem selbst ich nicht mehr schlau wurde.

Der Held: Alles wird gut. Ich schau mir das mal an. 

Während er das sagte, reichte mir zur Beruhigung das von ihm frisch aufgefüllte Notfallglas, nahm meine Hand und sah mich mit diesem beruhigenden Blick an. Daraufhin wandte er sich dem Code zu. Nach ca. fünf Minuten brabbelte er vor sich hin:

Der Held: Hä? ... Wie jetzt? ... Das macht doch keinen Sinn ... *allgemeineKraftausdrücke*  Oweia ... Ist ja unglaublich ... kann doch nicht sein ... *allgemeineKraftausdrücke* ... So geht das nicht ... Oh oh ... Sinnlos ... *codebezogeneKraftausdrücke* ... ah ... ok!

Ich saß mit großen Augen daneben und mich überkam leichte Panik. Wenn der Mann vom Fach schon so davorsitzt, wie soll es dann nur weitergehen? Der Held sah mich an und legte los:

Der Held: Also, ich erklär' Dir jetzt mal das Problem: Siehst Du das hier? ... Informatiker-Geheimsprache-die-ich-nicht-verstehe-obwohl-der Held-sich-verständlich-ausdrückt ...

Ich: Aha, okay ... Verstehe ... Oweia ...

Der Held: Und dann diese Stelle ... Informatiker-Geheimsprache-die-ich-nicht-verstehe-obwohl-der Held-sich-verständlich-ausdrückt ... Unglaublich, das dürfte eigentlich gar nicht funktionieren ... Informatiker-Geheimsprache-die-ich-nicht-verstehe-obwohl-der Held-sich-verständlich-ausdrückt ... 

Ich: Uhhh ... Echt? .... Da ist ja böse ... Verstehe ...

Kleine Anmerkung: Ich habe eigentlich nichts verstanden - außer, dass das eigentlich nicht funktionieren kann. Während der Held weiterredete, musste ich unweigerlich an mein erstes Auto denken, denn da war es genauso...

* Erinnerung AN *

Ich habe das Auto (ein alter VW Polo) damals einem jungen Mann in unserem Dorf abgekauft (nebenbei bemerkt wieder alleine, denn auch damals war ich ja schon ein großes Mädchen) und schon bei der ersten Fahrt abends am selben Tag blieb der Wagen auf einer Kreuzung liegen. Meine beste Freundin und ich haben ihn dann zur Tankstelle geschoben, an der ein netter junger KFZ-Lehrling Nachtschalterdienst schob und uns, nachdem er sich kurz den Motor ansah, erklärte, dass da Öl im Luftfilter ist, was nicht sein darf, und dass der Wagen deswegen wohl liegengeblieben ist. Er wechselte den Luftfilter und der Wagen fuhr wieder. Allerdings gab er uns noch mit auf den Weg, dass wir dringend eine KFZ-Werkstatt aufsuchen sollten. 

Jeder normale Mensch hätte den Wagen wieder zum Verkäufer zurückgebracht und das Geld zurückverlangt. Und was machte ich, das große Mädchen? Ich machte genau das nicht, sondern suchte Hilfe beim Haus-und-Hof-KFZ-Mechaniker meines Exfreundes, der bei Mercedes als KFZ-Meister arbeitete. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er die Motorhaube öffnete und nur seltsame Laute von sich gab, die irgendwie nach Verwunderung klangen. Nach zwanzig Minuten schloss er die Motorhaube wieder, sah mich an und sagte: Den muss ich mit in unsere Werkstatt nehmen. Da ist so einiges sehr seltsam.
Tage später rief er mich an und meinte, dass ich meinen Wagen wieder bei ihm abholen könnte. Ich war glücklich und fuhr abends voller Freude zu ihm. Als ich bei ihm ankam, wusste ich sofort: Irgendwas stimmt hier nicht. Er sah mich an, öffnete die Motorhaube und zeigte auf den Motor. Ich dachte mir nur: Ja, schön. Ist ein Motor - und jetzt? Er schüttelte den Kopf und erklärte mir: Dieser Wagen dürfte eigentlich gar nicht fahren. Er ist im Grunde ein technisches Wunder. Wie das so ist, nahm ich nur die letzte Information auf und dachte mir: Klasse, dann fahre ich eben mit einem Wunder. Hauptsache ich fahre überhaupt.  
Was dann folgte, schockierte mich allerdings ein wenig. Er, der seit gefühlt 120 Jahren KFZ-Meister war, hat einen solchen Motor noch nie gesehen. Er hat sogar zwei KFZ-Meister von VW kommen lassen, damit sie diesen Wundermotor in Augenschein nehmen können. Und auch die konnten kaum glauben, was sie da sahen. Denn so, wie dieser Motor zusammengesetzt war, ist er noch nie von VW produziert worden. Über einen Tag haben sich die drei den Motor und seine Zusammensetzung angesehen und sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser Motor eigentlich gar nicht funktionieren düfte (dass Öl in den Luftfilter geleitet wurde, war nur die Spitze des Eisberges). Die Theorie der drei Meister war: Ein Mensch mit gefährlichem Halbwissen hat diesen Motor in seine Einzelteile zerlegt und dann wieder zusammengesetzt - und das ohne Sinn und Verstand. Dass der Motor nach der Aktion wieder angesprungen sei, das ist (Ihr ahnt es schon) ein Wunder.

Das Ende von dem Lied: Nachdem die drei Meister unzählige Fotos von den technischen Wunderwerk für ihre Kollegen und Enkel gemacht hatten, warfen sie all ihr Wissen zusammen und optimierten das Wunder - und zwar so, dass es für mich noch bezahlbar war. Denn eigentlich hätte man den Motor komplett ausbauen und neu zusammensetzen müssen, aber das hätte den Wert des Wagens weit überstiegen. Ich fuhr daraufhin zwei Jahre mit einem Wunder durch die Gegend, das regelmäßig alle zwei Monate einen neuen Luftfilter brauchte (obwohl zur Optimierung zwischen der Ölleitung und dem Luftfilter eine Öl-Ablaufflasche eingebaut wurde) und regelmäßig immer dann liegenblieb, wenn ich eine Klausur schreiben musste oder aber abends auf eine Party wollte. Das ist vor allem dem Helden noch sehr gut in schmerzlicher Erinnerung, denn schließlich war er es, der den Wagen immer wieder und mehrfach nacheinander (gerne auch auf vielbefahrenen Kreuzungen) im Regen, im Schnee und in brüllender Hitze anschieben durfte. Dabei hat er unzählige Kilometer zurückgelegt - und glaubt mir: Mit jeden einzelnen Meter ist meine Liebe zu ihm gewachsen. 

* Erinnerung AUS *

Zurück zu der Unterhaltung. Jetzt hatte ich also scheinbar wieder so ein Wunder vor mir. Aber diesmal reichte es mir. Auf dieses Wunder konnte ich verzichten. 

Ich: Dann nehme ich halt wieder mein altes Design. Oder ich setze einen ganz neuen Code auf.

Der Held sah mich fragend an und unterbrach mich: Nix da, altes Design. Wir machen das schon!

Ich: Aber dann muss ich auf einiges verzichten...

Der Held unterbrach mich erneut (etwas, was eigentlich nicht seine Art ist): Du musst auf gar nichts verzichten. Wir machen das gemeinsam. Deal? 

Ich lächte und plötzlich war mir die Ich bin ein großes Mädchen und schaffe alles alleine-Philosophie total egal. Ich nickte. 

So saßen wir Freitag bis spät in die Nacht und den ganzen Samstag an Streifenliebe. Ganz heldenhaft hat der Held all meine (dummen) Fragen zig-mal auf's Neue beantwortet, mir alles erklärt (manches habe ich sogar verstanden), sich nebenbei um ein gut gefülltes Notfallglas gekümmert und mich liebevollen Gesten versorgt. 

Mein Mann, der Held.


 



Kommentare so far

  1. Von den Momenten wo man sie mal kurz auf den Mond wünscht abgesehen - Männer sind schon was tolles. Und selbstpersönliche Superhelden sowieso. Ich wünsch Euch ein ganz tolles Wochenende ... ich freu mich jetzt auf das Laternenfest mit meinem weltbesten Göttergatten und unserem Nachwuchs-Helden ;-)) LG, Nina

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    1. Liebe Nina,

      ich wünsche Dir auch ein wunderschönes Wochenende! Und viel Spaß auf dem Laternenfest mit Deinen beiden Helden.

      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. Ohhh was ein toller, süßer Post.. :) Dieses ganze "Fachwissen-Gerede", kenn ich auch nur zu gut.. auch wenn ich momentan keinen Freund habe, aber dennoch höre ich sowas immer mal wieder.. :D
    Die Geschichte von deinem Auto find ich super.. :D Der Wundermotor.. Super amüsant.. :)

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    1. Dankeschön!

      Ja, der Wundermotor! Ich kann nur sagen: Ich habe mein erstes Auto sehr geliebt, es war eben einzigartig!

      Wünsche Dir ein tolles Wochenende!

      Liebe Grüße
      Nicole

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  3. Toll geschrieben! Ich habe mich köstlich amüsiert. Am besten finde ich die Aussage: Unglaublich, das dürfte gar nicht funktionieren. :-)))))) Tja ...

    Ich mache ja auch immer alles selbst und tue mich schwer, jemanden zu fragen. Aber manchmal ist es doch schön, wenn man Hilfe an seiner Seite hat, oder? Das macht das Leben einfacher.

    Achja, ich bastele auch wieder. ;-) Ich hoffe nur, das Ergebnis wird auch auf meinem Blog so aussehen wie auf dem TestBlog.

    Liebe Grüße,
    Vera

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  4. Wunderbar ge- und beschrieben! Und wie unglaublich schön, dass du deinen Helden gefunden hast... und ihr gemeinsam dieses "Wunder" alltagstauglich gemacht habt... liebe Grüsse - an dich und deinen Helden

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    1. Dankeschön! ♥

      Glaub' mir: Ich könnte über meinen großen und (!) meine zwei kleinen Helden nicht glücklicher sein.

      Liebe Grüße
      Nicole

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  5. sehr lustig!! haha, danke für diesen post!! lg an dich, julia

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    1. Herzlichen Dank! ♥ Und: Gern' gescheh'n! ;-)

      Liebe Grüße
      Nicole

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