6. Juni 2014

BUGfixing #9 und warum Streifenliebe (auch) Teil der Übung ist



Ich neigte dazu, nahezu alles zu analysieren, zu kategorisieren und schließlich zu bewerten. Für eine Wissenschaftlerin keine schlechte Eigenschaft (im Gegenteil), aber für mich persönlich ist es eine Eigenschaft, die ich nicht mochte. Um ehrlich zu sein: Sie stresste mich, denn sie war anstrengend und hinderte mich daran, den Augenblick wahrzunehmen und ihn zu (er-)leben. Für mich war (und ist!) sie ein BUG, den es zu fixen galt. Aber wie?


Für alle, die zum ersten Mal hier sind: 
Jede Woche schreibe ich hier über mein Projekt BUGfixing und stelle Euch Übungen oder Tipps vor, die man super in den eigenen Alltagswahnsinn einfügen kann. Wer mehr über BUGfixing erfahren möchte, der wird hier fündig


Wie kann ich diese Prozesse (Analyse, Kategorisierung, Bewertung) beeinflussen oder gar stoppen, die unbewusst ablaufen, ganz automatisch? Die Antwort ist im Grunde einfach: Ich muss mir ihrer bewusst werden und sie hinterfragen, indem ich unterscheide zwischen Beobachtung und Bewertung. Achtsamkeit ist dafür ein sehr gutes Hilfsmittel. Denn Achtsamkeit lehrt uns, alles zu beobachten und wahrzunehmen, aber ohne es zu analysieren, zu kategorisieren und zu bewerten. Und das Beste: Man erobert für sich persönlich neuen (Handlungs- und Denk-)Freiraum.

Klingt ja super, dachte ich. Aber meine innere Skeptikerin verschränkte demonstrativ ihre Arme, schüttelte mit dem Kopf und fragte trotzig: Wie soll das denn bitte im Alltag funktionieren, he? Du kannst doch nicht ständig nachdenken übers eigene Denken. Was das an Zeit kostet! Meine ebenso trotzige Antwort: Mit viel Übung und indem man klein anfängt und vor allem mit dem Willen, etwas zu ändern. Und den hab ich! Irgendwann klappt's dann von ganz alleine, da muss man nicht mehr nachdenken.

Die Übungen

Die Übungen bauen aufeinander auf und zielen zum einen darauf ab, einen (ersten) Eindruck davon zu bekommen, wie oft man sich, andere oder etwas bewertet, obwohl man (vielleicht) der Meinung ist, sich, andere oder etwas einfach nur beobachtet zu haben, und zum anderen schafft man somit nach und nach ein Bewusstsein für das eigene Denken und es wird sich ändern.
Vergleichbar ist das vielleicht mit einer heißen Herdplatte: Auch wenn ich weiß, dass man sich daran verbrennen kann, wird erst nachdem ich mich daran mal übel verbrannt habe, in meinem Kopf in riesigen roten und blinkenden Lettern abgespeichert: Heiße Herdplatte böse! Nicht anfassen!!!


Für die erste Übung sollte man sich zehn Minuten Zeit nehmen, für die zweite und dritte Übung jeweils eine halbe Stunde. Die Übungen können an einem Tag oder an verschiedenen, wenn möglich an aufeinanderfolgenden Tagen ausgeführt werden. Das verstärkt den AHA-Effekt.

Übung 1

Man nimmt sich ein Blatt Papier und einen Stift, stellt sich vor einen Spiegel und betrachten sich. Dann beschreibt man sich, nicht nur in Gedanken, sondern laut und deutlich artikuliert. Ganz sachlich, unvoreingenommen und neutral. - Immer dann, wenn man merkt, dass man sich eigentlich nicht beschreibt, sondern (be-)wertet, macht man einen Strich auf das Blatt.

Übung 2

Jeweils an eine angenehme und nicht so angenehme Situation / Begebenheit denken und diese in Stichworten notieren. Ganz sachlich und neutral.

Übung 3

Sich in seiner Umgebung, z.B. in der Natur, etwas suchen das einem a) gefällt und b) nicht gefällt - und beides beschreibt man nun, indem man es in Stichworten notiert. Ganz sachlich, unvoreingenommen und neutral.


Meine Umsetzung

Wie erwartet, fielen mir die Übungen nicht leicht. Ich wusste ja um meine Eigenschaft, meinen BUG. Besonders die erste Übung war echt frustrierend: Mich selbst sachlich, unvoreingenommen und neutral zu beschreiben? Ein Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder schlichen sich wertende Kommentare ein (die Nase ist zu klein, meine Lippen zu schmal...), meine Strichliste war recht schnell gut gefüllt - und das hat mich schon überrascht. Dass ich so kritisch mit mir selbst bin, hätte ich nicht gedacht, schließlich mag ich mich, so wie bin. Und dennoch mangelte es meiner Beschreibung nicht an wertenden Kommentaren und Kategorisierungen.

Mit der zweiten und dritten Übung verhielt es ähnlich. Gerade bei der zweiten Übung war mir klar, dass ich gerade eine unangenehme Situation (ich dachte an meiner allererste Vorlesung vor über hundert Studierenden) nicht wirklich sachlich und neutral beschreiben könnte, aber das ich auch angenehme Situation (hier dachte ich an die erste Begegnung mit meinem Mann) so wertend kommentiere, indem ich sie relativiere (ich hätte witziger sein können, meine Haare waren an dem Abend eine Katastrophe...), das hätte ich nicht gedacht. Wie bescheuert! Mit der Natur, die ich mir für die dritte Übung ausgesucht habe, war ich deutlich "gnädiger". Nur der Strauch, den Ihr oben auf dem Bild sehen könnt, der hat's abbekommen, den hab' ich zunächst nicht gerade mit Nettigkeiten bedacht und ziemlich wertend wahrgenommen (zu großer Mund, zu große Dumbo-Ohren...), bis mir aufgefallen ist, dass er eigentlich echt witzig gestaltet ist.

In den darauffolgenden Tagen haben mir meine Übungserfahrungen schon etwas zugesetzt, aber sie haben mir auch geholfen. Ich habe viel mehr darüber nachgedacht, was ich denke, d.h. wann ich lediglich beobachte bzw. einfach nur wahrnehme, was ist, und wann ich dann doch eher und unnötiger Weise analysiere, kategorisiere und werte.
Alles in allem verbuche ich diese Übungen als Erfolg, denn sie haben etwas bei mir geändert: Ich analysiere, kategorisiere und werte nicht mehr so häufig wie früher, es sei denn, es ist in der Situation angebracht, z.B. um etwas besser zu verstehen oder aus beruflichen Gründen. Insgesamt bin achtsamer und aufmerksamer geworden, meine Wahrnehmung hat sich geändert.
Noch ist der BUG nicht zu 100% gefixt, soweit bin ich noch nicht - da wäre zum Beispiel noch die Sache mit der Erwartungshaltung... dazu bald mehr - aber ich bin auf einem guten Weg und habe tatsächlich ein Stück (Handlungs- und Denk-)Freiraum gewonnen - und das ist echt toll! (Ja, das war jetzt eine Wertung!)


Und warum ist Streifenliebe nun Teil dieser Übung?

Ganz einfach: Als ich Streifenliebe plante, spukten in meinem Kopf auch hunderte von Kategorien herum, z.B. was für eine Art Blog ich denn haben möchte: Food-Blog, Design-Blog, DIY-Blog, Mode-Blog, Buch-Blog, Beauty-Blog usw. Ich analysierte meine Ideen in abwertender Weise und verwarf sie aus Gründen, die eigentlich nichts mit dem zu tun hatten, was ich wollte. Bis ich mir irgendwann dachte: Schluss damit! Streifenliebe wird alles und nichts davon. Basta!
Ich will Streifenliebe (und mich) nicht kategorisieren, nicht auf ein Schlagwort begrenzen - auch wenn das vielleicht nicht "suchmaschinentauglich" sein mag, und ich will Streifenliebe auch nicht ständig vergleichen und denken, das sollte ich jetzt lieber lassen, weil z.B. textlastige Blogs nicht gut angenommen werden. Ich mag's bunt und vielfältig, und ich mag's textlastig! Deswegen geht's hier auch "drunter und drüber", deswegen ist Streifenliebe ein bunter Themenmix mit mehr Worten als Bildern. Und für mich: Teil dieser Übung.



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