16. Mai 2014

BUGfixing #6


Meditation: Lotussitz, viele Räucherstäbchen, gehauchte Mantras in Dauerschleife... So stellte ich mir früher Meditation vor. Meditation in Bewegung, genauer gesagt: Meditieren und gleichzeitig gehen? Geht nicht! Dachte ich zumindest...


...bis ich es ausprobierte und merkte: Geht doch! Und das auch noch richtig gut, vor allem dann, wenn die Gedanken mal wieder rasen oder Achterbahn mit einem fahren.


Für alle, die zum ersten Mal hier sind: 
Jede Woche schreibe ich hier über mein Projekt "Ich 2.0", kurz BUGfixing und stelle Euch Übungen oder Tipps vor, die man super in den eigenen Alltagswahnsinn einfügen kann. Wer mehr über BUGfixing erfahren möchte, der wird hier fündig.


Die Übung

Man sucht sich einen ruhigen Ort, an dem man sich (weitestgehend) unbeobachtet fühlt (z.B. ein Wald oder ein Park) und geht einfach los: ohne Ziel, ohne Zeitdruck, ohne Erwartung.

Bevor man losgeht, nimmt man die "Grundstellung" ein: Man stellt sich aufrecht hin und spürt ganz bewusst den eigenen Körper und den Boden unter den Füßen (im Sommer vorzugsweise barfuß). Langsam (nicht in Zeitlupe!) und bewusst setzt man nun einen Fuß vor den anderen und registriert währenddessen jede noch so kleine Bewegung des Körpers. Die Atmung: ganz natürlich ein- und ausatmen, die Atmung nicht beeinflussen.
Nach ca. zehn Schritten achtsamen Gehens kann man das Tempo des Gehens dem Tempo der Gedanken anpassen. Soll heißen: Rasen die Gedanken und überschlagen sich, beschleunigt man den eigenen Gang, werden die Gedanken langsamer und ruhiger, passt man den Gang ebenfalls an.

Wichtig ist bei der Übung: Nicht ins Gedankenkarussell einsteigen, sondern die Gedanken kommen und gehen zu lassen und sich nur auf den eigenen Gang zu konzentrieren.

Meine Umsetzung

An einer Auswahl an Orten mangelt es mir nicht: Wir wohnen zwar in der Stadt, aber die ist grün - Innen und Drumherum. Wir haben viele kleine Parks, mein Lieblingspark ist gerade mal zwei Straßen entfernt und bis zum Wald ist es auch nicht weit. Beste Voraussetzungen also.

Aber "Spazierengehen"? Das war noch nie mein Ding. Schon als Kind fand ich diese Spaziergänge mit der Familie, zumeist im Zuge von Familienfesten, ziemlich nervig und sinnlos und daran änderte sich später im Erwachsenenalter wenig. Für mich stand außer Frage: Wenn ich gehe, dann brauche ich ein konkretes Ziel. Eine Übung, bei der man einfach losgeht ohne konkretes Ziel? Für mich schwer vorstellbar. Aber dennoch: die Übung reizte mich und letztlich geht's bei BUGfixing ja auch darum, alte Denkmuster und Gewohnheiten zu hinterfragen. Also beschloss ich: Ich probiere die Übung aus.

Es war Sommer, mein Mann war auf Geschäftsreise und ich dachte mir: Heute ist ein guter Tag für diese Übung. Ich entschied mich für meinem Lieblingspark. Der hat gut ausgebaute Gehwege, einen wunderschönen kleinen Weiher in der Mitte und ist selten überfüllt. Bevor ich mich in den Park aufmachte, packte ich noch eine Decke und ein Buch in meine Tasche - als Notfallplan, falls das mit der Übung nicht klappen sollte, kann ich immer noch meine Decke am Wasser aufschlagen und lesen.

Und tatsächlich: Am Ende des Nachmittages saß ich lesend auf meiner Decke. Allerdings nicht im Zuge des Notfallplans, denn die Übung klappte richtig gut. Was ich zu Beginn noch stark bezweifelte, denn ich kam mir anfangs ziemlich bescheuert vor, als ich (vorausschauend) in einer versteckten Ecke des Parks, in welche sich selten jemand verirrt, die "Grundstellung" einnahm und zehn Schritte ging - in Zeitlupe. Ich benötigte mehrere Anläufe bis mir klar wurde: langsam ist nicht gleichbedeutend mit "sich in Zeitlupengeschwindigkeit bewegen". Nachdem ich das erkannt hatte, startete ich die Übung erneut und es klappte. Ich passte mein Schritttempo meinen Gedanken an, ging mal schneller, mal langsamer. Nach etwa zehn Minuten wurde es in meinem Kopf stiller, und ich konnte den Gang durch den Park genießen.

Wie lange ich letztlich gegangen bin, weiß ich gar nicht mehr. Woran ich mich allerdings genau erinnere, ist, wie ich mich danach gefühlt habe: Erholt und glücklich. So wie damals hatte ich den Park noch nie wahrgenommen, obwohl ich doch schon so oft da war. Es war ein tolles Gefühl und ich beschloss spontan, meine Decke auszupacken und noch ein wenig zu lesen. Es war eine Art Belohnung für mich selbst - dafür, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und die Übung gemacht habe.




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