22. April 2014

Leselust #1


Truman Capote war mir zunächst nur als Schauspieler bekannt. Es ist schon viele Jahre her, ich war ca. zwölf, als mein Vater zu mir meinte, dass wir an diesem Abend, es war unser wöchentlicher Filmabend, mal was anderes schauen: eine Komödie. Ich erinnere mich sehr gut daran, denn das war ungewöhnlich: weder mein Vater noch ich waren große Fans von Komödien. 


Aber mein Vater meinte: "Der Film ist wirklich gut, Du wirst ihn lieben." Ein wenig skeptisch war ich schon als er Eine Leiche zum Dessert in den Videorekorder schob, aber er behielt recht und ich wurde nicht enttäuscht: Der Film war großartig! Er ist bis heute eine der wenigen Komödien, die ich mir sehr gerne ansehe (und ich bin immer noch kein Fan dieses Genres).

Besonders der exzentrische Millionär Lionel Twain (gespielt von Truman Capote) hatte es mir angetan: so herrlich kauzig und irgendwie gruselig zugleich. Für seine Darstellung bekam Capote 1977 den Golden Globe als Bester Nachwuchsdarsteller. Ich wollte mehr Filme mit ihm sehen. Doch das wäre schwierig, meinte mein Vater, da der Schauspieler eigentlich kein Schauspieler sei, sondern ein Schriftsteller. Mein 'Schlüsselwort'! "Schriftsteller! Sehr gut!", erwiderte ich (Leseratte), "dann lese ich seine Bücher!"

Hätte mein Vater gewusst, was er mit diesem Film für eine Vater-Tochter-Diskussion auslöst, hätte er wahrscheinlich einen anderen Film gewählt. Denn nun musste er mir lang und breit erklären, dass ich für diese Art von Büchern echt noch zu jung sei... Kein leichtes Unterfangen bei einer Tochter wie mir.
Auch wenn mein Vater mich damals nicht recht mit seinen Argumenten überzeugen konnte (letztlich blieb ihm nur die gute alte Bestechung: einen ganzen Monat lang durfte ich fortan die Filme für den wöchentlichen Filmabend aussuchen und als Extra hatte ich noch eine riesen Portion meines Lieblingseis' rausgeschlagen - ja, ich war ein harter Verhandlungspartner), habe ich tatsächlich erst Jahre später mein erstes Capote Werk gelesen, dem noch einige folgten.

Truman Capote – als einer der bedeutendsten Nachwuchsautoren seiner Generation bezeichnet – wurde zunächst durch seine Erzählungen (z.B. Wie ich die Dinge sehe) bekannt, die er in diversen Zeitschriften veröffentlichte. Sein Romandebüt (Andere Stimmen, andere Räume), Capote war gerade mal 23 Jahre jung, wurde als literarische Sensation gefeiert, und Kritiker verglichen sein Talent u.a. mit William Faulkner. Weltweiten Erfolg feierte Capote 1958 mit Frühstück bei Tiffanys, und sein Tatsachenroman Kaltblütig gilt als literarisches Meisterstück des New Journalism.

Neben Kaltblütig hat mich ein weiteres seiner Werke nachhaltig beeindruckt und ist noch heute eines meiner absoluten Lieblingsbücher: Marilyn & Co: Begegnungen mit Marilyn Monroe, Marlon Brando, Elizabeth Taylor und vielen anderen...

Waltraut Worthmann-von-Rode beschreibt das Buch als "[l]esenswert, sehr amüsant und scharfsichtig." und dem ich kann bedingungslos zustimmen.
In diesem wunderbaren kleinen Buch portraitiert Capote anhand von Begegnungen und Gesprächen die Stars seiner Zeit: Marilyn Monroe, Elisabeth Taylor, Marlon Brando u.a. Capote stilisiert nichts und niemanden, er hört zu, stellt die richtigen Fragen und blickt somit hinter die Glamourfassade. Und das macht er so gut, dass man nach den wenigen Seiten, die das Buch umfasst, das Gefühl hat, den Ikonen ein Stück weit nähergekommen zu sein.
Besonders beeindruckt hat mich sein Gespräch mit Marilyn Monroe, welches mehr über Marilyns Charakter offenbart als so manche Biographie. Besonders die leicht absurde Unterhaltung in der Trauerkapelle ist großartig. Hier blitzt eine Marilyn auf, die einerseits schüchtern und unsicher ist, sich aber andererseits wenig um Konventionen schert: 
"Marilyn: Bitte, bleiben wir noch etwas hier. Warten wir, bis die anderen gegangen sind.  
TC: Warum?  
Marilyn: Ich will jetzt mit niemandem reden. Ich weiß bei solchen Gelegenheiten nie, was ich sagen soll.
TC: Dann bleib hier. Ich warte draußen auf dich. Ich muss dringend eine rauchen.
Marilyn: Du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen, mein Gott. Rauch doch hier.
TC: Hier in der Kapelle?  
Marilyn: Wieso nicht? Oder willst du dir jetzt einen Joint ziehen?
TC: Wie witzig. Komm, gehen wir."*
Die Art und Weise wie Capote seinen Gesprächspartnern begegnet  (meist auf Augenhöhe, manchmal - typisch Capote - auch etwas darüber), wie er mit und über sie spricht, wie er sie beschreibt (z.B. nennt er Coco Chanel einen "apart heruntergehungerte[n] Spatz unter den Modemachern"** und den großen Marlon Brando einen "junge[n] Mann auf einem Berg von Süßigkeiten"***) gibt ungeahnte Einblicke sowohl in seine als auch in die Seelenlandschaft seiner Gesprächspartner.
Kurz um: Ein wunderbares kleines Meisterwerk, ein Stück Kulturgeschichte in Gesprächen, das sich wunderbar lesen lässt - immer wieder und wieder und wieder...





* Zitat aus Truman Capote: Marilyn & Co. Begegnungen mit Marilyn Monroe, Marlon Brando, Elisabeth Taylor u.v.a. Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. Zürich: Kein & Aber AG Zürich 2009, S. 18/19.
** Zitat aus ebd., S. 67.
*** Zitat aus ebd., S. 170.


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