15. April 2014

Haunted #1



Wenn ich als Kind gefragt wurde "Welche Gute-Nacht-Geschichte möchtest Du denn heute hören?", antwortete ich nahezu immer und zwar mit Nachdruck: "Die von der alten Mühle!!!" Woraufhin die jeweils fragende Person grundsätzlich mit den Augen rollte und sagte: "Nicht schon wieder! Außerdem: Ist sie dir nicht viel zu gruselig?" Meine Standardantwort - mit noch mehr Nachdruck und kindlich flehendem Blick: "NEIN!!! Erzähl' sie mir. Bitte!"
 

Im Grunde kannte ich sie auswendig, war die Geschichte im Kern doch immer gleich, allerdings variierten die schaurigen Details je nach Person. Im Nachhinein betrachtet, würde ich behaupten, dass einzig mein Vater sie so erzählte, wie sie hätte war sein können. (Was der Wahrheit entspricht oder nicht: das weiß man bei solchen Überlieferungen im Laufe der Jahre nicht mehr. Aber das spielt eigentlich auch keine Rolle für mich.)


In unserem Dorf stand eine alte verlassene Mühle. Ein abbruchreifes Gebäude, das mit den Jahren immer großzügiger und eindrucksvoller abgesperrt wurde, um uns Kinder fernzuhalten. Was nicht zwangsläufig nötig war, denn nur die wenigsten Kinder, die mutigsten aus damaliger Sicht, trauten sich in die Nähe der Mühle und nur die tollkühnsten gar hinein.
Dabei - und da bin ich mir sicher - war es nicht zwingend der Anblick der Mühle an sich, die lauernde Gefahr einstürzender Gebäudeteile oder der fürchterliche Gestank, der die Kinder von der Mühle fernhielt. Es war wohl eher die Geschichte der Mühle, die die Kinder (bis auf die mutigen und tollkühnen) davon abhielt, hineinzugehen.

Nahezu alle Kinder des Dorfes kannten die Geschichte vom Müller, dessen Frau eines Nachts im Winter spurlos verschwand. Auch eine wochenandauernde Suche half nichts: die Frau blieb verschwunden. Das Einzige, was man von ihr in dieser Nacht fand, war ihr zerrissenes Brautkleid. Der Müller wurde natürlich verdächtigt, aber man konnte ihm nichts nachweisen. Monate vergingen bis die Kinder des Müllers, später auch dieser selbst, von sonderbaren Schatten im Haus und dumpfen Schreien in den Fluren berichteten. Kurze Zeit später sahen auch die anderen Bewohner des Dorfes immer häufiger nachts eine Frauengestalt in der Nähe der Mühle, die aber immer wieder plötzlich verschwand.
Zwei Jahre später, es war wieder Winter, verschwand auch der Müller samt seiner beiden Kinder eines Nachts spurlos. Wieder fand man zerrissene Kleidung, diesmal die des Müllers. Eine lange Suche blieb erfolglos: Der Müller blieb verschwunden, seine Kinder allerdings fand man Wochen später wieder in der Mühle, obwohl man diese – so versicherten die zuständigen Behörden - gründlich durchsucht hatte. Die Kinder waren völlig verstört und sprachen fortan kein Wort mehr. Sie wurden in die Obhut einer Verwandten im Nachbardorf gegeben, aber immer wieder verschwanden sie nachts, und man fand sie immer in der alten Mühle genau an der Stelle, an welcher man damals das zerrissene Brautkleid der Mutter fand. Wenige Jahre später verschwanden auch die Kinder wieder - diesmal spurlos.

Die Mühle stand zunächst einige Monate leer, die Gerüchte um seltsame Ereignisse in der Mühle (plötzlich auftauchende Schatten in der Dunkelheit, seltsame Schreie in der Nacht...) häuften sich. Eines Tages fand sich ein neuer Müller, der die Mühle kaufte. Allerdings ereilte auch ihn kein glückliches Schicksal: Zunächst verschwand seine Frau und kurz darauf verschwanden auch seine Kinder spurlos, die kurze Zeit später plötzlich wieder in der Mühle gefunden wurden; auch sie sprachen fortan kein Wort mehr. Der Müller beschloss kurz darauf, das Dorf mit seinen Kindern zu verlassen, aber in der Nacht vor seinem Weggang verschwand auch er. Die Kinder wurden in staatliche Obhut gegeben.

Wieder stand die Mühle einige Monate leer, niemand aus dem Dorf und der näheren Umgebung wollte dort einziehen. Die Mühle, der Grund und Boden: einfach alles sei verflucht, sagten die einen, die anderen sprachen davon, dass das Böse diesen Ort immer wieder heimsuchte.
In den darauffolgenden Jahren kamen und gingen einige Familien, allerdings widerfuhr allen wenig Gutes: unerklärliche Unfälle ereigneten sich, Kinder verschwanden und tauchten wieder auf... Alle Familien, die in den Jahren dort ein- und meist schnell wieder auszogen, berichteten immer wieder von sonderbaren Ereignissen: Bilder, die ohne Einwirkung von außen von der Wand fielen, seltsame Geräusche und Schatten (meist die einer Frau) in der Nacht, ein kaum hörbares, aber andauerndes Flüstern aus Zimmern, in denen sich niemand befand, laute Schreie in den Fluren...

Über zehn Jahre stand die Mühle dann leer, die unerklärlichen Ereignisse endeten aber nicht: immer wieder kam es zu seltsamen Vorfällen - bis zu meinem zwölften Geburtstag: Plötzlich war sie weg. Puff! Einfach so. In einer (gefühlten) Nacht-und-Nebel-Aktion wurde die Mühle abgerissen und heute steht dort ein Supermarkt.
Geblieben ist von der Mühle nichts - bis auf ein kleines Kreuz neben dem Supermarkt auf dem steht: "Wir gedenken Eurer" und meiner Faszination für diese Art von Häusern: Haunted Houses eben. Im Laufe der Jahre habe ich viele solcher Geschichten gesammelt und werde diese fortan einmal im Monat mit Euch teilen.


PS: Jahre später - ich dachte kaum mehr an die Geschichte von der alten Mühle und wenn doch, dann nur als Schauergeschichte aus Kindertagen - erfuhr ich durch Zufall, dass man damals beim Abriss der alten Mühle die Überreste diverser verschwundener Personen fand.




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