11. April 2014

BUGfixing #1


Ich erinnere mich gut an meine erste Achtsamkeitsübung. Sehr gut sogar, da sie so richtig, wirklich richtig daneben ging...


Für alle, die zum ersten Mal hier sind: 
Jede Woche schreibe ich hier über mein Projekt "Ich 2.0", kurz BUGfixing und stelle Euch hier Übungen und Tipps vor, die man super in den eigenen Alltagswahnsinn einfügen kann. Wer mehr über BUGfixing erfahren möchte, der wird hier fündig.


Die Übung

(Kurzes) Innehalten: Einfach kurz (wenige Minuten zu Beginn) die innere "Pausetaste" drücken, den Augenblick bewusst wahrnehmen und einfach atmen. Leitende Fragen: Was spüre ich gerade? Wie fühlt sich etwas an? Was sehe ich gerade? Wie riecht etwas? Was höre ich? Was denke ich? etc. Dabei ist es wichtig, nicht zu werten, zu urteilen oder sich dem "Gedankenkarussell" hinzugeben, sondern im Moment zu verweilen.

Ziel dieser Übung ist es, den Augenblick bewusst wahrzunehmen und uns (wieder) mit voller Aufmerksamkeit einer Sache, Tätigkeit etc. zuzuwenden, d.h. diese mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Diese Übung kann man spontan zu jeder beliebigen Tageszeit durchführen und ist nicht ortsgebunden. Selbstverständlich sollte man diese Übung nicht bei Tätigkeiten durchführen, die von uns volle Konzentration verlangen (z.B. Autofahren etc.).


Meine Umsetzung

Diese Übung habe ich mir als erste Übung ausgesucht, da ich dachte: Ah, das klingt easy. Das krieg ich locker hin. Frohen Mutes drückte ich also eines Tages die innere "Pausetaste" und versuchte meine Sinne voll und ganz auf den Moment konzentrieren. Was sehe ich gerade, wie fühlt sich die Decke an, auf der ich sitze? Was rieche ich? usw. schoss mir durch den Kopf. Doch bevor ich überhaupt dazu kam, auf diese Fragen Antworten geben zu können, wurde es in meinem Kopf immer lauter. To-do-Listen sprangen wie Pop-up-Fenster vor meinem inneren Auge auf, hunderte Dinge fielen mir plötzlich wieder ein (Routinekontrolle beim Zahnarzt, Friseurbesuch, Bücher, die ich unbedingt lesen muss...); ich stellte Menüpläne fürs Wochenende zusammen und verwarf sie gleich wieder, durchschritt in Gedanken meinen Kleiderschrank und überlegte (in rasender Geschwindigkeit), was ich wohl morgen anziehen könnte...

Ich spürte, wie mein Herz raste und meine Atmung hektischer wurde. Offensichtlich hatte ich NICHT die "Pausetaste", sondern die "Schnell-Vorwärtsspulen-Taste" gedrückt. STOP, schrie ich innerlich und dachte nur: Die Übung ist ja jetzt richtig - aber wirklich richtig - daneben gegangen, das war wohl nix. Ich lass das jetzt!

Ich stand auf, schüttelte mich und ging zum Fenster. Ich schaute hinaus, beobachtete das bunte Treiben auf der Straße: Menschen, die kamen und gingen, Autos, die vorbeifuhren, Hunde, die wild schnuppernd an Bäumen stehen blieben...
Ich stand wohl einige Zeit am Fenster, bis ich bemerkte, dass es in meinem Kopf immer stiller wurde, die Pop-up-Fenster sich nahezu alle geschlossen hatten und meine Atmung wieder ruhig und gleichmäßig wurde. Ich drehte mich um und mein Blick fiel auf das Bild, das mein Mann vor Jahren gemalt hatte und das seither unser Wohnzimmer schmückt.
Ich sah mir jedes winzige Detail auf dem Bild an, erinnerte mich, wie sich die Leinwand anfühlte, wie mein Mann es gemalt hat... Es zeigt einen Mann, der in einem Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen an einem Hafensteg sitzt, seine Hände tief in den Taschen des Trenchcoats vergraben, und die Schiffe im Hafen beobachtet. Man sieht Vögel am Himmel und dicke dunkle Wolken, ein Sturm zieht auf, die Schiffsfahnen wehen unruhig im aufkommenden Wind. Man sieht die Stufen, die zu einem Haus führen, welches nur angedeutet auf dem rechten Bildrand zu erahnen ist, einen Strommast, an dem ein Fahrrad lehnt. Das Bild ist schwarz-weiß, ganz ruhig gehalten.

Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, wunderte ich mich: eine halbe Stunde war vergangen, es kam mir vor wie Minuten. Ich fühlte mich gut, erholt und in meinem Kopf herrschte eine angenehme und vor allem ruhige Stimmung. Ich hatte mir das Bild in aller Ruhe angesehen, ohne von einem Gedanken zum nächsten zu hüpfen, ohne Wertung, ohne Kommentar. Bei diesem Gedanken lächelte ich...

Fazit

Die Übung "Innehalten" mache ich seit diesem Tag mindestens einmal in der Woche, manchmal klappt sie gut, manchmal nicht. Aber sobald ich das Bild ansehe, das mein Mann in liebevoller Kleinarbeit gemalt hat, erinnere ich mich an diesen ersten Versuch, und mir wird lächelnd bewusst, dass ich seither schon ziemlich häufig die "Pausetaste" drücken konnte...




Kommentare so far

  1. Wow. Ein tolles Projekt. Eine tolle Art zu schreiben. Und für mich der Wink mit dem Zaunpfahl, da mein guter Vorsatz etwas ruhiger und bewusster zu leben oft in die Ecke geschoben wird. Daher ein dickes Danke für die Erinnerung - ich werde jetzt auch mal versuchen, meine Pausentaste zu finden ;-)

    Liebe Grüße, Nina

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    1. Liebe Nina,
      herzlichen Dank für Dein Kommentar. :-)
      Wie schön, dass Dir BUGfixing gefällt - und noch schöner, dass Dich mein Projekt inspiriert. Ich drücke Dir gaaaanz fest die Daumen, dass Du gaaaaanz schnell Deine Pausetaste findest.

      Liebe Grüße
      Nicole

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